Wenn du führst – und dich selbst dabei verlierst
- 9. Jan.
- 4 Min. Lesezeit

„Bei der Arbeit läuft alles. Aber sobald ich nach Hause komme, falle ich innerlich in ein Loch.“ Was Ashok Riehm beschreibt, trifft zwei Gruppen besonders häufig – Führungskräfte und Eltern. Menschen, die Verantwortung tragen, Entscheidungen treffen, Halt geben. Und die genau deshalb kaum Raum haben, selbst unsicher, müde oder überfordert zu sein. Nach außen wirkst du organisiert, belastbar, kontrolliert. Du funktionierst. Du hältst zusammen, was sonst auseinanderfallen würde – im Unternehmen, im Team, in der Familie. Und genau das macht diese Form der inneren Erschöpfung so schwer erkennbar: Sie tarnt sich als Stärke.
Führung, Fürsorge und der Preis des Funktionierens
In Führungsrollen – ob im Unternehmen oder in der Familie – entsteht schnell ein stilles inneres Gesetz: Ich darf nicht ausfallen. Für viele Führungskräfte bedeutet das, permanent „on“ zu sein: Verantwortung für Ergebnisse, Menschen, Konflikte. Für viele Eltern heißt es, emotionale Stabilität liefern zu müssen – auch dann, wenn innerlich alles schwankt. Schwäche wirkt gefährlich. Gefühle erscheinen störend. Also übernimmt der Funktionsmodus.
Riehm beschreibt dieses Muster als eine hochfunktionale Variante komplexer Traumafolgen. Nicht sichtbar durch Chaos oder Kontrollverlust, sondern durch Überkontrolle, Anpassung und Leistung. Das Nervensystem bleibt dauerhaft aktiviert. Ruhe wird nicht als Erholung erlebt, sondern als Bedrohung. Sobald der äußere Druck wegfällt – abends, am Wochenende, im Urlaub – meldet sich die innere Leere.
Warum gerade Führungskräfte betroffen sind
Viele erfolgreiche Führungspersönlichkeiten haben früh gelernt, dass Anerkennung an Leistung gekoppelt ist. Wer Probleme löst, wird gesehen. Wer stark bleibt, wird gebraucht. Dieses Muster passt perfekt in moderne Organisationskulturen – und kann gleichzeitig ein altes Überlebensskript verlängern.
Typisch ist dann nicht der offene Zusammenbruch, sondern Sätze wie:
„Ich funktioniere halt gut unter Druck.“
„Andere verlassen sich auf mich.“
„Jetzt ist gerade keine Zeit für meine Themen.“
Der Erfolg wird zum Paradox: Er sichert das Überleben – und verhindert gleichzeitig, dass innere Bedürfnisse überhaupt wahrgenommen werden.
Elternschaft als stiller Verstärker
Auch Eltern geraten leicht in diesen Modus. Besonders dann, wenn sie selbst früh Verantwortung tragen mussten. Wer als Kind gelernt hat, sich zusammenzureißen, um andere nicht zu belasten, überträgt dieses Muster oft unbewusst auf die eigene Elternrolle. Dann wird Fürsorge grenzenlos nach außen – und nahezu nicht existent nach innen. Ruhe löst Schuldgefühle aus. Eigene Bedürfnisse fühlen sich egoistisch an. Viele Eltern beschreiben sich irgendwann als „funktionierende Einheit mit Herz“, aber ohne echten Zugang zu sich selbst. Das Tragische daran: Kinder brauchen keine perfekten Eltern. Sie brauchen präsente Eltern. Und Präsenz entsteht nicht aus Überanstrengung, sondern aus innerer Regulation.
Der Körper zieht irgendwann die Grenze
Weil Gefühle lange unterdrückt werden, sucht sich das System andere Wege. Schlafstörungen, chronische Verspannung, Verdauungsprobleme, Herzklopfen, Migräne. Der Körper wird zum Sprachrohr dessen, was emotional keinen Raum bekommen durfte.
Der Trauma-Forscher Bessel van der Kolk bringt es auf den Punkt: The body keeps the score. Nicht, um zu bestrafen, sondern um darauf hinzuweisen, dass ein System nicht endlos im Alarmmodus bleiben kann.
Warum Selbstoptimierung oft ins Leere läuft
Gerade Führungskräfte und Eltern versuchen Veränderung häufig auf die gleiche Weise, wie sie alles andere angehen: strukturiert, diszipliniert, leistungsorientiert. Mehr Achtsamkeit, bessere Routinen, effizientere Erholung. Selbstfürsorge wird zur nächsten Aufgabe.
Das Problem: Der alte innere Antreiber bleibt am Steuer. Statt Regulation entsteht nur eine neue Form von Kontrolle. Heilung beginnt jedoch meist dort, wo du nicht noch besser funktionierst, sondern lernst, Sicherheit im Nicht-Tun zuzulassen.
Ein zentraler Satz aus Riehms Arbeit lautet sinngemäß: Du musst nicht erst kollabieren, um fühlen zu dürfen.
Ein realistischer Weg nach vorn
Der Weg aus diesem Muster bedeutet nicht, weniger Verantwortung zu übernehmen oder „alles hinzuwerfen“. Er bedeutet, nicht mehr ausschließlich über Leistung zu existieren.
In der Traumatherapie hat sich ein phasensensibles Vorgehen bewährt: Zuerst Verstehen und Stabilisierung – das Erkennen des eigenen Überlebensmodus, das Beruhigen des Nervensystems, das Entwickeln von Selbstmitgefühl. Erst danach, behutsam, Verarbeitung. Und schließlich Integration: eine Identität jenseits von reiner Funktion, in der Leistung wieder Ausdruck von Freiheit sein kann, nicht von Angst.
Die ICD-11 beschreibt komplexe PTBS genau als Störung der Selbstorganisation. Bei hochfunktionalen Menschen sind diese Bereiche nicht chaotisch, sondern überreguliert. Das macht sie unsichtbar – aber nicht folgenlos.
Vertiefung für Führungskräfte und Eltern – Blinkist-Empfehlungen
Für Menschen mit wenig Zeit und hoher Verantwortung sind kompakte, gut kuratierte Inhalte oft der beste Einstieg. Hier passt Blinkist besonders gut.
Sinnvolle Blinkist-Titel für diese Zielgruppe sind unter anderem:
„The Body Keeps the Score“ – Bessel van der Kolk Ein grundlegendes Verständnis dafür, wie Trauma im Körper gespeichert wird – besonders relevant für Menschen, die „funktionieren“, obwohl innerlich alles angespannt ist.
„Trauma and Recovery“ – Judith Herman Ein Klassiker, der erklärt, warum Sicherheit, Beziehung und Selbstbestimmung zentrale Faktoren von Heilung sind – hilfreich für Führungskräfte, die Verantwortung tragen, ohne sich selbst zu verlieren.
„Burnout“ / „Die Müdigkeitsgesellschaft“ – Byung-Chul Han Keine Traumaliteratur im engeren Sinn, aber ein scharfer Blick auf die gesellschaftlichen Bedingungen, die Überfunktionieren belohnen – für Führungskräfte und Eltern gleichermaßen entlastend.
„Self-Compassion“ – Kristin Neff Besonders relevant für Eltern und Führungskräfte, die mit sich selbst härter umgehen als mit allen anderen.
Blinkist eignet sich hier nicht als „Abkürzung zur Heilung“, sondern als niedrigschwelliger Einstieg: verstehen, einordnen, Sprache finden. Genau das, was hochfunktionalen Menschen oft gefehlt hat.
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Die leise, aber entscheidende Erkenntnis
Viele Führungskräfte und Eltern beginnen diesen Weg mit dem Gedanken: „Mit mir stimmt etwas nicht – ich müsste doch zufrieden sein.“
Und enden irgendwann bei einer anderen Wahrheit: Mit mir stimmt alles. Ich war nur zu lange im Überlebensmodus.
Das ist kein Aufruf zur Selbstdiagnose. Es ist eine Einladung zur Ehrlichkeit – und vielleicht der erste Schritt zurück in ein Leben, das sich nicht nur richtig anfühlt, sondern auch lebendig.


























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