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Jenseits von Schwarz und Weiß: Die verborgene Welt der narzisstischen Mischformen

  • Autorenbild: Wilkin Borrmann
    Wilkin Borrmann
  • vor 6 Tagen
  • 5 Min. Lesezeit
Copyright W. Borrmann
Copyright W. Borrmann

In der öffentlichen Vorstellung ist das Bild von Narzissmus oft plakativ: Da ist entweder der laute, überheblich-grandiose Typ oder der stille, leidende und verdeckte Narziss. Doch die klinische Realität ist weitaus komplexer. Viele Menschen zeigen keine reine Ausprägung, sondern eine verwirrende Mischung widersprüchlicher Anteile.

Selbstbewusst im Beruf, weinerlich im Privaten; bewunderungssuchend im Auftreten, tief beschämt im Inneren. Diese Mischformen sind weder selten noch rein theoretisch. Sie prägen Beziehungen, Therapien und ganze Institutionen – und gerade weil sie so wandelbar sind, bleiben sie oft jahrelang unentdeckt.


Was ist eine Mischform?


Klassischerweise unterscheidet die Psychologie zwei Pole:

  1. Grandiosem Narzissmus: Dominanz, Anspruchsdenken und subjektive Überlegenheit.

  2. Vulnerabler Narzissmus: Überempfindlichkeit, Scham, Opfernarrative und die Überzeugung, dass niemand den eigenen Wert erkennt.

Eine Mischform liegt vor, wenn eine Person beide Welten vereint – oft kontextabhängig oder phasenweise verschoben. Es ist kein Wechsel zwischen zwei Krankheiten, sondern ein einziges pathologisches Selbstwertsystem, das unterschiedliche Strategien nutzt, um ein brüchiges Inneres zu stabilisieren.


Die 9 Prototypen der narzisstischen Mischform


„Man wird nicht erleuchtet, indem man sich Lichtgestalten vorstellt, sondern indem man sich der Dunkelheit bewusst wird. Das Letztere ist jedoch unangenehm und daher nicht beliebt.“ — C.G. Jung (Gesammelte Werke 13, § 335)

Um Licht ins Dunkel zu bringen, hilft eine klinisch fundierte Typologie. Diese Kategorien helfen Betroffenen und Fachleuten, die psychologische Logik hinter der Fassade zu verstehen:


1. Grandios-Vulnerabel-Alternierend (GVA)

Diese Personen pendeln extrem. Nach außen hin dominant und brillant, stürzen sie bei kleinster Kritik in tiefe Selbstabwertung und Scham. In Beziehungen führt dies oft zu einem zerstörerischen On-Off-Muster.


2. Vulnerabel-Kommunal

Hier tarnt sich der Narzissmus als Selbstlosigkeit. Die Person präsentiert sich als moralisch überlegener „Gutmensch“. Das verdeckte Anspruchsdenken äußert sich in der Erwartung von ewigem Dank. Wer nicht spurt, wird „eisig“ entwertet.


3. Grandios-Maligne (Narzisstisch-Antisozial)

Die gefährlichste Form: Kalte Grandiosität gepaart mit Sadismus und instrumenteller Aggression. Hier steht die Ausbeutung anderer im Vordergrund, oft ohne jede Reue.


4. Narzisstisch-Borderline-Hybrid (NB)

Ein hochexplosiver Mix aus grandioser Abwehr und emotionaler Instabilität. Idealisierung und Entwertung wechseln sich abrupt ab; die Angst vor dem Verlassenwerden führt zu heftigen Affektstürmen.


5. Narzisstisch-Zwanghaft (NOCPD)

Hier wird der Selbstwert über Leistung und Kontrolle reguliert. Alles muss perfekt sein – im Job wie im Haushalt. Nähe ist für diese Typen nur erträglich, wenn sie die totale Kontrolle behalten.


6. Narzisstisch-Ängstlich-Vermeidend (NAV)

Das „verkannte Genie“. Nach außen hin schüchtern und zurückgezogen, im Inneren überzeugt von der eigenen Einzigartigkeit. Da die Welt diese Größe nicht erkennt, reagieren sie mit passivem Widerstand und Neid.


7. Somatisch-Kognitiv gemischt

Ein Doppelkanal zur Bestätigung: Die Person definiert sich sowohl über intellektuelle Überlegenheit als auch über den perfekten Körper oder Statussymbole. Wer intellektuell oder optisch nicht mithalten kann, wird gnadenlos abgewertet.


8. Spiritueller Narzissmus

Die Krönung der moralischen Überlegenheit. „Ich bin jenseits des Egos“, lautet die Botschaft. Kritiker werden als „noch nicht so weit“ abgetan. Dies ist eine subtile Form des Gaslightings unter dem Deckmantel der Erleuchtung.


9. Hochfunktional-Kühl (Executive)

Der Prototyp des erfolgreichen Managers. Strategisch brillant, scheinbar empathisch, aber im Kern emotional vollkommen unbeteiligt. Menschen sind für diesen Typus lediglich austauschbare Funktionen zum Erreichen von Zielen.


Warum haben Sie es nicht früher erkannt?

Viele Betroffene quälen sich mit Selbstvorwürfen. „War ich blind? Warum bin ich geblieben?“ Professor Reem betont: Das ist kein persönliches Versagen.

Mischformen sind per Definition verwirrend. Die kurzen Momente von echter Verletzlichkeit oder Wärme aktivieren in empathischen Mitmenschen die Hoffnung auf Veränderung. Dass Sie geblieben sind, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Beweis für Ihre Bindungsfähigkeit und Ihre Reife, das Gute im Menschen sehen zu wollen. Die späte Erkenntnis ist kein Zeichen von Naivität, sondern der Moment Ihres inneren Aufwachens.


Gesellschaftliche Blindheit: Erfolg als Tarnung

Unsere leistungsorientierte Kultur belohnt viele dieser Mischformen. Ein hochfunktionaler Narzisst (Typ 9) gilt oft als „visionär“, solange die Zahlen stimmen. Ein spiritueller Narziss (Typ 8) gilt als „Vorbild“.

Diese kollektive Blindheit schützt genau jene Strukturen, die im privaten Raum den größten Schaden anrichten. Wir brauchen eine Kultur, die lernt, hinter die Fassaden zu schauen und Widersprüche gleichzeitig wahr sein zu lassen.


Klarheit ist der Anfang der Heilung

Narzissmus ist kein monolitisches Gebilde. Das Erkennen der Mischformen ist der erste Schritt zur Befreiung. Es geht nicht darum, Menschen zu verurteilen, sondern sich selbst und andere zu schützen.

Wenn Sie verstehen, dass die Widersprüchlichkeit Ihres Gegenübers kein Zufall, sondern eine Schutzstrategie, eine aus infantiler Überlebensstrategie erhaltene Wunde ist, gewinnen Sie Ihre Kontrolle zurück. Klarheit ist vielleicht das Ende einer destruktiven Beziehung – aber sie ist garantiert der Anfang der wichtigsten Beziehung Ihres Lebens: der zu sich selbst.


Da Narzissmus als Mischform keine eigene Diagnoseziffer im ICD-10 oder ICD-11 hat, gibt es keine exakte staatliche Statistik, die genau diese Subtypen zählt. Die Wissenschaft greift stattdessen auf klinische Studien, Repräsentativerhebungen und Prävalenzraten der allgemeinen Narzisstischen Persönlichkeitsstörung (NPS) zurück.

Hier sind die fundierten Daten für Deutschland, basierend auf klinischen Schätzungen und demografischen Mustern:


Prävalenz (Häufigkeit) in der Bevölkerung

In Deutschland geht man davon aus, dass etwa 0,4 % bis 1 % der Gesamtbevölkerung die klinischen Kriterien einer NPS erfüllen. Wenn wir jedoch das subklinische Spektrum (Menschen mit starken narzisstischen Anteilen oder Mischformen, die noch „funktionieren“) einbeziehen, steigen die Schätzungen deutlich an:

  • Klinische NPS: ca. 800.000 Menschen in Deutschland.

  • Narzissmus-Spektrum (inkl. Mischformen): ca. 5 % bis 10 % der Bevölkerung zeigen deutliche psychopathologische Tendenzen.


Demografische Daten

Narzissmus ist in Deutschland nicht gleichmäßig verteilt. Es zeigen sich klare Muster bei Geschlecht, Alter und sozialen Strukturen:

Merkmal

Ausprägung / Daten

Geschlecht

Männer sind deutlich häufiger betroffen. Das Verhältnis liegt bei etwa 75 % Männer zu 25 % Frauen. Frauen zeigen dabei öfter die vulnerabel-kommunale Mischform (Typ 2), Männer eher die grandiose oder maligne Form (Typ 3/9).

Alter

Die Ausprägung ist bei jüngeren Erwachsenen (20–35 Jahre) am höchsten. Studien zeigen, dass narzisstische Züge mit dem Alter oft abnehmen („Maturation Effect“), wobei Mischformen bei älteren Menschen oft in Bitterkeit oder körperbezogenen Narzissmus (Typ 7) umschlagen.

Sozioökonomisch

Höhere Häufigkeit in urbanen Zentren (Großstädten) und in Berufsfeldern mit hoher Hierarchie und öffentlicher Sichtbarkeit (Management, Politik, Medien, Chirurgie).


Schwere des Auftretens und klinische Relevanz

Die Schwere wird oft nicht durch die Diagnose „Narzissmus“ an sich bestimmt, sondern durch das Maß der sozialen und psychischen Beeinträchtigung:

  • Hochfunktionale Mischformen (Typ 5, 9): Diese Menschen verursachen im Umfeld (Partner, Mitarbeiter) oft schwere Schäden, leiden selbst aber kaum unter Leidensdruck, solange sie erfolgreich sind. Sie tauchen in Statistiken selten auf, da sie keine Therapie aufsuchen.

  • Vulnerable Mischformen (Typ 1, 4, 6): Hier ist die Schwere für den Betroffenen am höchsten. Die Suizidgefahr ist bei narzisstischen Krisen (z. B. nach Jobverlust oder Trennung) signifikant erhöht, da das gesamte Selbstwertsystem zusammenbricht.

  • Komorbidität: Etwa 50–80 % der diagnostizierten Narzissten leiden zusätzlich unter Depressionen, Angststörungen oder Substanzmissbrauch (Alkohol/Drogen), was die Schwere der Fälle in deutschen Kliniken massiv erhöht.


Die „Dunkelziffer“ in Deutschland

In Deutschland ist die Hemmschwelle, eine Persönlichkeitsstörung zu diagnostizieren, in der ambulanten Versorgung relativ hoch. Viele Mischformen werden unter „Burnout“, „Depression“ oder „Anpassungsstörung“ geführt. Experten schätzen, dass die tatsächliche Zahl der Menschen, die unter den Auswirkungen (als Opfer oder Täter) von narzisstischen Mischformen leiden, in die Millionen geht.


 
 
 

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