Der sexuelle Phantomschmerz: Warum wir toxische Ex-Partner im Nervensystem spüren
- Wilkin Borrmann
- vor 3 Tagen
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Aktualisiert: vor 2 Tagen

Die Beziehung ist längst vorbei, der Kontakt abgebrochen, die Vernunft sagt klar: „Dieser Mensch hat mir geschadet.“ Und doch ist da dieses Echo im Körper. Ein plötzliches Herzklopfen beim Geruch eines bestimmten Parfüms, eine süchtige Sehnsucht mitten in der Nacht oder sexuelle Flashbacks, die einen wie eine Welle überrollen.
Professor Aschok Riehm beschreibt dieses verstörende Phänomen als sexuellen Phantomschmerz. Wie bei einer Amputation schmerzt der Verlust eines Teils, der gar nicht mehr da ist. Doch warum brennen sich gerade Narzissten so tief in unser Nervensystem ein? Den gesamten Videobeitrag von Prof. Ashok Riehm finden Sie am Ende des Artikels.
1. Das Gehirn auf Droge: Warum die Bindung so stark ist
Narzisstische Beziehungen folgen oft einem Muster, das neurobiologisch gesehen einer Sucht gleicht. Der Mechanismus dahinter ist die intermittierende Verstärkung.
Narzissten schenken Nähe, Zärtlichkeit und Sex nicht beständig, sondern unvorhersehbar. Dieser Wechsel zwischen extremer Zuwendung und eiskalter Abwertung ist die stärkste Form der Konditionierung. Das Gehirn wird überstimuliert und das Dopaminsystem gerät in eine Dauerschleife der Erwartung.
Wissenschaftler wie Dutton und Painter beschreiben dies als Traumatic Bonding (Traumatische Bindung). Der Partner wird paradoxerweise gleichzeitig zur Quelle des Schmerzes und zum einzigen vermeintlichen Gegengift.
2. Der Körper vergisst nicht: Zellgedächtnis und Hormone
Selbst wenn der Kopf die Trennung vollzogen hat, reagiert der Körper oft noch nach den alten Mustern. Hier spielen zwei Faktoren eine Rolle:
Hormonelle Fesseln: Sexuelle Intensität löst die Ausschüttung von Oxytocin (Bindung) und Vasopressin (Treue) aus. Diese Hormone unterscheiden nicht, ob die Beziehung gesund oder destruktiv ist – sie knüpfen ein biologisches Band, das den Verstand ignoriert.
Implizites Gedächtnis: Emotionale Erfahrungen werden als Muskeltonus, Atemrhythmus oder Hautempfindung gespeichert. Dieses „Körpergedächtnis“ reagiert auf Trigger (Musik, Gerüche), noch bevor das Bewusstsein einschaltet.
3. Dissoziative Erregung: Wenn der Körper reagiert, aber die Seele fehlt
Ein besonders belastender Aspekt ist die dissoziative Erregung. In toxischen Beziehungen gerät das Nervensystem oft in einen inneren Alarmzustand (Shutdown Response). Der Körper zeigt äußere Erregung, während man sich innerlich „abgeschnitten“ oder wie tot fühlt.
Dies führt nach der Trennung oft zu massiven Schuld- und Schamgefühlen: „Warum hat mein Körper reagiert, obwohl ich den Menschen verabscheut habe?“ Es ist wichtig zu verstehen: Das ist eine autonome Überlebensreaktion des Nervensystems, keine freiwillige Zustimmung.
4. Wege zur Befreiung: Vom Objekt zum Subjekt
Die gute Nachricht von Professor Grieben: Das Nervensystem ist formbar (Neuroplastizität). Was gelernt wurde, kann auch wieder verlernt werden.
Strategien zur Heilung:
Psychoedukation: Verstehen, dass die Sehnsucht ein biologisches „Traumarelikt“ ist und keine echte Liebe. Wissen entmachtet den Schmerz.
Somatic Experiencing: Körperorientierte Ansätze helfen, die im Nervensystem gespeicherten Spannungen und Alarmzustände sanft zu entladen.
EMDR: Spezielle Protokolle können helfen, sexuelle Flashbacks und traumatische Bilder neu zu verarbeiten.
Teilearbeit (IFS): Den verletzten Anteil in uns finden, der sich nach der ursprünglichen (illusorischen) Verschmelzung sehnt, und ihn heute selbst versorgen.
Sexuelle Selbstermächtigung: Die eigene Sexualität durch achtsame Selbstberührung zurückerobern – als Subjekt des eigenen Begehrens, nicht als Objekt des anderen.
Fazit
Der sexuelle Phantomschmerz ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Zeugnis dessen, was Ihr Körper überlebt hat. Mit jedem bewussten „Nein“ zum alten Muster und jedem Schritt hin zu körperlicher Sicherheit beginnt der Weg zurück zur eigenen Würde und Freiheit.






















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